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Auf einem Campingplatz in Nordfrankreich

Von Sofie Meys

 

 

Die Schattenplätze sind rar an diesem glutheißen Sommertag. Und obwohl ein laues Lüftchen über das großzügige Wiesengelände von ‚Les Tilleuls’ weht, besteht wenig Hoffnung auf Abkühlung.
Als blutiger Camping-Neuling ist dieser Urlaub – nach einem Kurzurlaub in Holland vor mehr als 20 Jahren -  erst mein zweiter mit Zelt überhaupt und ich genieße neugierig diese unbekannte Atmosphäre, die, wie es mir vorkommt, nur mich allein umgibt.
Wo man auch hinschaut, blickt man stattdessen in routinierte Gesichter, beobachtet Camper, die mit gelassener Selbstverständlichkeit zu den Waschräumen pilgern, ihr verschmutztes Geschirr dabei in Eimern tragend, oder Kinder in Bademäntel gehüllt und einem Handtuch unter dem Arm, die brav ihre Pflicht zur Reinlichkeit erfüllen.
Vor zwei Tagen noch hatten wir unser Zelt  auf einem viel engeren Platz als es ‚Les Tilleuls’ ist,  aufgeschlagen. In Serpentinen schlängelte sich die Straße durch das steile Gelände, welches gleich im Zentrum des Bade-Örtchens Fécamp gelegen war. Nur mit Glück hatten wir noch ein winziges freies Plätzchen für unser Zelt ergattern können.
Es war mir doch etwas befremdlich vorgekommen, wenn nicht sogar unangenehm, mit wildfremden Menschen auf so engem Raum zusammen zu wohnen, mit ihnen in gewisser Weise sogar die Nächte miteinander zu verbringen. Die leisen Schnarchgeräusche aus dem Nachbarzelt, feiernde Jugendliche und leise Unterhaltungen in einer fremden Sprache ließen mich auch nachts immer ein wenig wach bleiben, einem Wachhund gleich, der mit einem Ohr quasi immer noch hört, was um ihn herum geschieht, während er zu schlafen versucht.
Bei aller Enge und durchbrochener Intimität muss ich dennoch zugeben, dass mich diese ‚Camping-Welt’ auch ganz außerordentlich fasziniert. Bei jedem Wetter draußen zu sein, sowie einen reizvollen Ausblick in die umgebende Landschaft  genießen zu können, wer bekommt das während der Ferien schon alles ‚Frei Haus’, bzw. ‚Frei Zelt’ geboten?
Am Abend hungrig etwas vor dem Zelt zu bruzzeln und dann müde einfach in die Matratzen fallen. Herrlich ist das!
Das zweifellos Faszinierendste auf einem Campingplatz sind für mich jedoch eindeutig die Menschen dort, die anderen Camper eben, an deren Leben man so plötzlich und ungefragt teilnimmt und die anscheinend alle miteinander und vollständig vom Camping-Virus befallen zu sein scheinen.
Ich gebe auch zu, dass ich schon Angst hatte, mich  womöglich bei einem der ‚virulös Befallenen’ anzustecken. Wie sich jedoch spätestens nach 3 Tagen auf ein und demselben Campingplatz herausstellte, war dies eine völlig unbegründete Angst gewesen!?
Dann nämlich ertrug ich den Ort nicht länger, fühlte mich urplötzlich bedrängt vom ‚Leben der anderen’ und wollte nur noch weg und weiter zum nächsten Platz!
Wenn Morgen für Morgen immer wieder dieselben Zeltbewohner mit immer demselben unbeschreiblichen Schlabberlook, zersaustem Haar und exakt dem gleichen müden Gesichtsausdruck auf dem Weg zu den Duschhäusern an meinem Zelt vorbeimarschierten, oder doch eher schlichen, musste ich doch unweigerlich zu dem Ergebnis kommen , dass hier nun rein gar nichts mehr geschehen wird, dass der komplette Urlaub nur noch nach einem seit Campergedenken fest stehenden Schema ablaufen würde.
Selbst Ausflüge und andere Unternehmungen konnten hieran nicht viel ändern, denn kaum saß man wieder vor seinem Zelt, in den –zugegebenermaßen- sehr bequemen Campingstühlen mit integrierter Becherhalterung, schlug die Camping-Monotonie auch schon wieder zu.
Und zwar in Gestalt eines holländischen Rentnerpaars, das gerade unter ihrem Zelt-Vordach den Kaffeetisch gedeckt hatte.
Dem aufmerksamen Beobachter, -also mir – ist es nicht entgangen, dass sie das schon am Tag zuvor exakt zur gleichen Zeit und in gleicher Art und Weise getan hatten. Man hätte die Uhr nach ihnen stellen können!
Nun aber bloß weg von diesem infektiösen Ort! Das taten wir dann auch und sitzen nun hier neben unserem Zelt auf dem kurz geschorenen Grün, das jedem erstklassigen Golfrasen ernsthafte Konkurrenz gemacht hätte.
Bei aller Liebe zum Campen sind mir die Randplätze doch immer noch die liebsten! Wegen der schönen Aussicht und vermutlich auch wegen der verringerten Ansteckungsgefahr.
Die Aussicht hier ist außergewöhnlich schön. Man kann sogar die alten Linden auf dem angrenzenden Herrensitz sehen, nach denen der Platz seinen wohlklingenden Namen ‚Les Tilleuls’ erhalten hat.
Dass wir einen der wenigen Schattenplätze auf dem ansonsten baumfreien Gelände bekamen, haben wir tatsächlich mir und meinen mageren Französischkenntnissen zu verdanken. In Anbetracht der Hitzewelle, unter der zurzeit ganz Europa stöhnt, musste ich es einfach versuchen und mein verzweifeltes ‚Pas trop de soleil!’ hatte überraschenderweise Erfolg gehabt.
Im Schatten eines kleinen Wildgestrüpps lässt sich die Ruhe auf dem Platz genießen. Zu heiß wurde es inzwischen wohl auch den 8 Kindern unserer französisch sprechenden Platznachbarn. In der Mittagszeit hatten sie noch eine schwungvolle Wasserschlacht aufs Parkett gelegt. Sogar die – vermutlich – alleinerziehende Mutter beteiligte sich kurzfristig daran und ich sah sie seit unserer Ankunft hier vor 3 Tagen zum ersten Mal lachen.
Sicher ist es nicht einfach, so viele Kinder groß zu ziehen. Dennoch stößt das Verhalten der Mutter immer wieder auf großes Unbehagen. Wenn sie wie eine wilde Furie aus dem baufälligen Wohnwagen geschossen kommt, ihre jüngste Tochter, - einen kleinen Engel mit blonden Löckchen - , anbrüllt, das arme Ding dann an den Händen packt und das schreiende etwa 5-jährige Mädchen ein Stück über den Boden schleift, vor dem Camping-Wagen liegen lässt und sich nicht weiter darum kümmert.
Sollte man in so einem Fall einschreiten? Mit welchem Recht denn und ohne die Sprache zu beherrschen, habe ich mich gefragt, mich dann vorerst damit zufrieden gegeben, die Familie im Auge zu behalten.
Die noch relativ junge Mutter hatte sicher eine Menge Probleme am Hals. Mit ihrem knöchellangen  bunt gemusterten Wickelrock wirkte sie körperlich wie eine 20-jährige, ein Blick in ihr Gesicht jedoch zeigte gravierende Spuren, die zahlreiche rasch aufeinander folgende Schwangerschaften hinterlassen hatten. Die Zähne nur noch lückenhaft vorhanden, wirkte sie wie eine noch viel zu junge Hexe aus Grimms’ Märchen. Ein Anblick, der schockierte, vor allem, da die Lebenslust der Frau nicht zu übersehen  war, gepaart mit einer Pflichtvergessenheit, die man sich nur mit ihrer Verbitterung erklären konnte, wenn man sich als außen stehender Beobachter überhaupt eine Meinung bilden konnte.
Wie schön zu sehen, dass die beiden größeren Töchter, gerade mal 14 oder 15 Jahre alt, sich um ihre kleineren Geschwister kümmerten.
Gerade sitzen sie im Schatten auf einer Decke und einer der kleineren Jungen kuschelt sich an seine ältere Schwester.
Ich bin ein wenig beruhigt, daneben auch gerührt, schicke ihnen rasch etwas Liebe und Kraft herüber, die sie in ihrem weiteren Leben sicher noch brauchen werden.
Vermutlich werden wir uns niemals wiedersehen.
Denn schon am morgigen Tag wollen wir weiter ziehen, ein weiteres Stück an der Küste entlang Richtung Bretagne. Die Region ‚Calvados’ verlassend, werden wir uns einen neuen Zeltplatz suchen und hoffen natürlich auf nette neue Platznachbarn.
Obwohl, zu nett sollen sie dann doch nicht sein. Schon allein wegen der Ansteckungsgefahr, die beim näheren Zusammenrücken doch mit Sicherheit rapide ansteigen würde.
Schließlich sind wir zum Ausspannen hier, zum Lesen, Beobachten und Eindrücke sammeln.
Da ist es ganz nützlich, sich der unsichtbaren Wände zu bedienen, die überall auf einem Campingplatz existieren. Ist der Platz auch noch so voll, so baut jeder Camper, ob nun bewusst oder nicht, hauchdünne Wände um sein Terrain herum auf. Sie zeigen ganz deutlich: Bis hierhin und keinen Zentimeter weiter!
Jedem aufmerksamen Neu-Camper wird somit schnell klar, dass auf einem Zeltplatz viele solcher ungeschriebenen Regeln existieren. Möchte er sich hier keine Feinde machen, sollte er nicht viel über das Warum nachdenken und lapidar darüber hinweggehen, so nach dem Motto: Es wird schon Sinn machen und dient höchstwahrscheinlich dem Wohl jedes einzelnen.
Eine dieser Regeln besagt etwa, dass es eine freie Zeitgestaltung bezüglich der Einnahme von Mahlzeiten gibt.
So ist die Einnahme des Frühstücks am späten Nachmittag absolut kein Grund für andere Camper, empört die Nase zu rümpfen, sondern bleibt jedem Camper absolut selbst überlassen.
Dieses ‚Frühstück’ könnte also durchaus auch noch vor der abendlichen ‚Morgentoilette’ eingenommen werden, mit dementsprechendem Aussehen der Teilnehmer.
Wozu sich über sein Aussehen oder das eigene Verhalten auch Gedanken machen, schließlich gibt es doch die legendären unsichtbaren ‚Wände’, in deren Schutz man sich in absoluter Sicherheit wähnen darf. 
Das Sonderbare an diesen Wänden ist, dass man zwar durch sie hindurch sehen kann, anderenfalls jedoch glaubt, durch sie vor fremden Blicken geschützt zu sein.  Selbst wenn es sich hierbei ganz augenscheinlich um einen Irrtum der Erbauer handeln muss, so gibt ihnen dieser Fehler in der Konstruktion doch immerhin ein recht anheimelndes Gefühl von Geborgenheit, welches diesen ‚klitzekleinen’ Selbstbetrug doch mehr als gerechtfertigt.
So schön so gut. Der Befall mit dem Camper-Virus scheint also auch eine ganze Reihe von  Annehmlichkeiten mit sich zu führen.
Warum ich mich dennoch so vor einer Ansteckung fürchte? Ganz klar, weil die Krankheitssymptome ebenfalls nicht von der Hand zu weisen sind und recht beängstigend daherkommen.
Schauen wir sie uns doch an, die Dauer-Camper älteren Semesters. Vor allem die weibliche Spezies ist nun wirklich nicht zu übersehen. So augenscheinlich ist deren weit überdurchschnittliche Körperfülle.
Natürlich habe ich mich sofort gefragt, wie es zu dieser unschönen Gewichtszunahme bei so vielen Campingplatzbewohnerinnen kommen konnte. Schließlich bin ich ja auch eine Frau, deren schlimmster Alptraum ‚Übergewicht’ heißt!
Ich kann zu diesem Thema vorerst nur Vermutungen anstellen, die dahin gehen, dass Camping als Lebensart doch eher den typischen Bedürfnissen von Männern entgegenkommt, die da wären: Schlafen, Essen, Trinken, ein wenig am Zelt oder Wohnwagen herumwerkeln und sich daneben ausgiebig bemuttern lassen.
Wir Frauen dagegen können mit oben genannten Tätigkeiten doch im Grunde genommen gar nichts anfangen, sind wir doch eher gesellige, wenn nicht sogar mystische Wesen, die auf einem Campingplatz ihrer Bestimmung beraubt werden und aus lauter Frust im Essen eine Ersatzbefriedigung finden.
Am liebsten würde ich diesen chronisch Kranken zurufen: Nehmt euer Leben in die eigene Hand, treibt Sport, bildet euch weiter, beschäftigt euch mit Forschung oder sucht euch einen Rentner-Nebenjob, anstatt euer Leben auf einem Zeltplatz ausklingen zu lassen und nur noch für die Zufriedenheit eurer selbstgefälligen Ehemänner zu sorgen.  Ach ja und fast hätte ich es vergessen: Kocht gesunde und kalorienarme Mahlzeiten und ich wette mit euch, das wird mit Sicherheit euer letzter Campingurlaub gewesen sein!
Aber wer würde mich schon hören, da ich doch selber hier vor einem Zelt sitze und nichts Besseres zu tun habe, als mich mit dem Innenleben dickleibiger Camperinnen zu beschäftigen.
Vielleicht sollte man immerhin ein Gesetz erlassen, dass  Zelte oder Wohnwagen grundsätzlich immer mit einer Warnung  versehen sind,   die -ähnlich wie auf Zigarettenschachteln- lauten könnte:
„Achtung! Jahrelanges, ausgiebiges Campieren kann zu Eintönigkeit und Langeweile führen und in der Folge zu einer erhöhten Nahrungsaufnahme. Übergewicht reduziert die Lebensdauer und führt zu schweren Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Organversagen!!
Na, na na, jetzt werde ich aber doch langsam etwas ungerecht, schließlich bleibt es doch jedem selbst überlassen, sich träge in den Campingsessel zu setzen oder eine Runde im Meer zu schwimmen. Wenn der Campingsessel doch nur nicht so gemütlich wäre, das Bier so nah und Vati und Mutti so innig und nah beieinander wie sonst nie.
AHA!! Fehlt hier womöglich die selbst erfahrene Nestwärme? Treibt die meisten Camper der Mangel an menschlicher Nähe in die Weite, die sich dann in den meisten Fällen gar nicht als die weite Welt herausstellt. So manchen Camper verschlug es gerade mal 30 km von Düren nach Köln-Rodenkirchen zum Campingplatz Berger mit Aussicht auf den Rhein….
Also wirklich, langsam wird’s  mir aber nun doch wieder zu bunt hier auf ‚Les Tilleuls’, also schnell das Zelt abgebaut und  auf zum nächsten Platz!
Ja, das taten wir dann auch und es verschlug uns auf einen gut besuchten Platz mitten in den Dünen, von dem man fußläufig den Badestrand erreichen konnte. Was will man mehr?
Von nächtlichen Sandstürmen, einstürzenden Zelten und Stranddieben, die nicht einmal die Unterwäsche zurückließen, ahnte ich ja zu diesem Zeitpunkt noch nichts.
Bedauerlicherweise gehörte der auch preislich sehr  ‚attraktive’ Zeltplatz am Meer zu den Plätzen, auf denen offiziell auch Deutsch gesprochen wurde.
Das ist ja zum Zeitpunkt der Buchung eines Platzes noch ganz angenehm, kann jedoch auch dazu führen, dass wildfremde Camper, nur weil sie rein zufällig aus demselben Land kommen, einen Neuankömmling aus ‚der Heimat’ gleich wie einen guten alten Freund begrüßen wollen.
Nichts da! Noch nie was von unsichtbaren Wänden gehört??
Betont unbeteiligt schaue ich also in eine andere Richtung, das freudig überraschte Gesicht des aus ‚OG’ stammenden Urlaubers übersehend.
‚OG’, wo liegt das überhaupt?
Bin ich vielleicht so weit gereist, um hier Gespräche mit irgendwelchen dahergelaufenen Landsleuten zu führen?
Diese Neulinge! Die haben anscheinend überhaupt keine Ahnung von ungeschriebenen Camping-Regeln…
Oh NEIN! Das sind keinesfalls die ersten Symptome des Camper-Virus! Auf gar keinen Fall!
Ich möchte mich doch nur entspannen und das kann man nirgends so gut wie zwischen breitflächigem französischem Gemurmel. Man versteht nichts und das ist auch gut so! Man gehört irgendwie dazu und hat doch seine Ruhe.
Ich mache mich auf den Weg zu den Toiletten. Dazu muss ich notgedrungen auch an dem Pärchen aus ‚OG’ vorbei. Sie ignorieren mich. Sehr schön.
Obwohl noch recht jung, so hat SIE schon das typische ‚Camping-Format’ angenommen: Quadratisch, praktisch und bewegungslos.
An einem kleinen Klapptisch sitzend, sortiert sie gerade mit Hingabe und einer bewundernswerten Gelassenheit ihre am Strand gesammelten Muscheln.
Ich zucke bei dem Anblick zusammen und denke an meine eigene stolze Sammlung, die inzwischen bereits 2 Tüten schwer ist.
Ob es so etwas wie ein Camping-Gen gibt?
Ein Gen, auf dem sich neben der Vorliebe fürs Zelten sicher noch haufenweise andere Eigenschaften tummeln, wie etwa Sammelleidenschaft, Wandertriebigkeit, Frischluft-Fanatismus, ein träger Stoffwechsel und der unbedingte Wille, seine Camping-Ausrüstung immer weiter zu perfektionieren.
Angefangen mit einem kleinen handlichen Zelt steht jeder Wiederholungscamper schon bald vor der überaus wichtigen Entscheidung, entweder nie wieder zelten oder sich ein neues, größeres Zelt zuzulegen, bzw. einen ersten kleinen Wohnwagen.
So geht es dann lustig weiter: Der kleine Wohnwagen gibt einem plötzlich das Gefühl von Enge, die Ausrüstung nimmt an Volumen unübersehbar zu, ein größerer Wohnwagen muss her, oder – bei entsprechender finanzieller Liquidität – ein nettes kleines Wohnmobil.
Zivilisierte Menschen haben ja so unglaublich viele Bedürfnisse, die ihnen erst auf einem Zeltplatz so richtig bewusst werden.
Was die wenigsten wissen, dass die Camper-Krankheit zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr heilbar ist.
Im Endstadium dieser ernst zu nehmenden Erkrankung handeln die Befallenen oft völlig irrational und schaffen sich nicht selten Wohnmobile in der Größe von Reisebussen an. Damit kurven sie dann mühselig durch das unebene Gelände von winzigen Zeltplätzen, um irgendwann festzustellen, dass es dort inzwischen viel zu eng für ihre monströsen Vehikel ist und sie sich nach einem neuen, großen und moderneren Platz umsehen müssen.
Wie gut, dass  gewiefte Campingplatzbetreiber dieses ‚Problem’ erkannt haben und aus einer ernsthaften Erkrankung ohne schlechtes Gewissen noch ihr Kapital schlagen, indem sie sich das größer, schöner und moderner ihres Platzes gut bezahlen lassen.
Schade, schade..
Denn eigentlich hätten wir beim Campen doch endlich einmal beweisen können, was in uns steckt, dass wir uns die Erde ganz zu Recht untertan gemacht haben und sogar in der Lage sind, auf kleinstem Raum komfortabel zu leben.
Ein ‚Hoch’ also auf den ‚gewöhnlichen’ Camper, der selbst gegenüber Besitzern von Luxus-Wohnmobilen, mit zum Teil bis zu 13 m Länge, noch Toleranz aufbringt und dem es beim Campieren in der Hauptsache um Zweckmäßigkeit geht.
Dieser schaut  – vom bequemen Campingsessel aus – amüsiert zu, wenn Neuankömmlinge  verzweifelt versuchen, ihr überdimensional großes neues Zelt von Aldi aufzubauen.
Vor allem Franzosen können in diesen Momenten so unnachahmlich schelmisch und verschmitzt in sich hineingrinsen.
Selbstverständlich würde man seine Hilfe anbieten, sollte der bedauernswerte Neuling nach 3 Stunden immer noch mit seinem Monster aus Kunstfaser und Nylonschnüren kämpfen.
Doch wird selbst der blutigste Anfänger versuchen, dieser ‚Schande’ aus dem Weg zu gehen, -koste es was es wolle-, und so wächst er dann in diesen Momenten auch über sich selbst hinaus und lockt alles an Ur-Instinkten aus sich heraus, was da irgendwo verborgen sein könnte, um schließlich – ob nun mit oder ohne Camping-Gen – das Monster zu bändigen und ihm die Form einer Behausung zu geben.
Man kann also durchaus behaupten, dass Camping das Selbstbewusstsein zu stärken in der Lage ist. Man hat es ganz alleine fertig gebracht mit eigenen Händen und in nur wenigen Stunden ein Dach über dem Kopf zu errichten, sitzt zufrieden in seinen Campingstühlen und genießt die erste warme Mahlzeit vor dem eigenen Zelt.
Als ich heute morgen beim ersten Morgengrauen aus dem Zelt ‚hinausluge’, bekomme ich doch einen Riesenschreck.
Die beiden aus ‚OG’ sind abgereist, wohl noch im Dunkeln und ohne ‚Auf Wiedersehn’ zu sagen!
Etwas beleidigt krieche ich in mein Zelt zurück und grübele über Camping-Regeln nach.
Vor allem die ungeschriebenen können einem Camping-Neuling, wie ich es ja nun mal bin, schwer zu schaffen machen.
Ich treffe einen Entschluss: Von jetzt an werde ich – alle geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln missachtend - freundlich ‚Guten Tag’ zu jedem Landsmann sagen, selbst, wenn diese sich hinter ihren unsichtbaren Wänden verschanzt haben sollten und sogar, wenn sie aus dem mir so unbekannten ‚OG’ kommen.  

 

 

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